Schneckenkrankenhaus mit Vollpension

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Pamela hatte noch einmal Glück!

Eigentlich wollte ich nur nach dem Gartenteich schauen. Stattdessen eröffnete ich wenige Minuten später eine spontane Schnecken-Notaufnahme.

Im Wasser lag eine große Weinbergschnecke. Und zwar nicht gemütlich am Rand und auch nicht auf einem Seerosenblatt thronend, sondern halb untergegangen im Teich. Ihr Körper wirkte sehr hell und sie bewegte sich überhaupt nicht. Mein erster Gedanke war deshalb leider: Die ist tot.

Trotzdem fischte ich sie aus dem Wasser. Einfach liegen lassen kam irgendwie nicht infrage. Ich legte sie an einen geschützten Platz und wartete ab. Große Hoffnungen hatte ich allerdings nicht.

Eine Stunde später lag unter der Schnecke eine erstaunlich große Pfütze. Und noch erstaunlicher: In ihrem Körper tat sich etwas. Erst ganz zaghaft, dann immer deutlicher kam Leben in die Sache. Irgendwann erschien ein Fühler. Dann ein zweiter. Und schließlich begann die totgeglaubte Schnecke tatsächlich wieder zu kriechen.

Seit ihrer spektakulären Rettung aus dem Gartenteich heißt sie Pamela. Warum, dürfte zumindest den Erwachsenen unter euch klar sein.

Schneckenkrankenhaus eröffnet

Nun hatte Pamela zwar ihren unfreiwilligen Tauchgang überlebt, sah aber noch nicht gerade aus, als wolle sie gleich einen ausgedehnten Abendspaziergang durchs Staudenbeet unternehmen. Also wurde kurzerhand das Schneckenkrankenhaus eröffnet.

Zur Stärkung gab es eine Scheibe Gurke und Kalkbrei. Weinbergschnecken brauchen nämlich Kalk für ihr Gehäuse. Ihr Haus ist kein Fundstück, das sie irgendwann bezogen haben, sondern gehört fest zu ihrem Körper und wächst mit ihnen mit. Für den Aufbau ihres großen Gehäuses sind Weinbergschnecken auf Kalk angewiesen.

Pamela bekam also gewissermaßen eine kleine Schnecken-Reha mit Vollpension.

Gurke? Vorhanden.

Kalkbrei? Angerührt.

Ruheplatz? Gebucht.

Zimmerservice? Selbstverständlich.

Dass sie einige Stunden zuvor noch ziemlich leblos im Gartenteich gelegen hatte, konnte man ihr bald kaum noch ansehen. Sie kroch wieder, streckte ihre Fühler aus und machte insgesamt einen deutlich unternehmungslustigeren Eindruck.

Weinbergschnecken sind richtig große Schnecken. Ihr Gehäuse kann einen Durchmesser von etwa fünf Zentimetern erreichen.

Die Augen sitzen ganz oben. Schaut euch einmal die beiden langen Fühler genau an: An deren Spitzen befinden sich die Augen. Mit zwei weiteren, kürzeren Fühlern wird die Umgebung ertastet.

Das Haus gehört zur Schnecke. Es wächst mit ihr und schützt ihren empfindlichen weichen Körper unter anderem vor dem Austrocknen.

Kalk ist Baumaterial. Weinbergschnecken brauchen kalkreiche Lebensräume beziehungsweise Kalkquellen, um ihr großes Gehäuse aufzubauen.

Pamela ist streng genommen weder Frau noch Herr. Weinbergschnecken sind Zwitter. Erwachsene Tiere besitzen männliche und weibliche Geschlechtsorgane.

Und noch etwas Wichtiges für unsere Geschichte: Weinbergschnecken sind Landschnecken. Feuchtigkeit finden sie großartig – ein längerer Aufenthalt mitten im Gartenteich gehört allerdings nicht zum normalen Wellnessprogramm einer Weinbergschnecke.

Pamela erzählt von ihrem Badetag

Also wirklich, ich möchte zunächst einmal klarstellen, dass ich nicht schwimmen gehen wollte.

Mein Name ist Pamela und ich war bis gestern eine vollkommen unauffällige Weinbergschnecke mit einem hübschen Haus, vier tadellosen Fühlern und einem grundsätzlich eher entspannten Verhältnis zum Leben. Ich mag feuchte Erde, leckere Pflanzen und gemütliche Spaziergänge. Wenn andere Tiere hektisch durch den Garten rennen, denke ich mir meistens: Leute, ihr habt doch Zeit.

Gestern war ich also unterwegs. Der Boden war angenehm, die Luft roch interessant und ich schob mich in aller Ruhe durch mein Revier. Irgendwann kam ich an diesem großen nassen Ding vorbei, das die Menschen Gartenteich nennen. Ich tastete hier ein bisschen, schnupperte dort ein bisschen und wollte eigentlich nur mal kurz gucken.

Dann fehlte plötzlich der Boden.

PLATSCH!

Nun mögen wir Weinbergschnecken Feuchtigkeit durchaus. Aber zwischen „angenehm feucht“ und „komplett im Gartenteich“ besteht ein Unterschied, auf den ich ausdrücklich hinweisen möchte.

Ich versuchte wieder herauszukommen, fand aber keinen vernünftigen Halt. Irgendwann wurde ich müde. Sehr müde. Also zog ich mich so gut es ging zurück und kann über die nächsten Stunden leider keine besonders aufregenden Einzelheiten berichten.

Als ich wieder etwas von meiner Umgebung bemerkte, lag ich plötzlich an Land. Unter mir sammelte sich eine Pfütze, ich fühlte mich ungefähr so, wie ein nasser Waschlappen vermutlich aussehen würde, wenn er ein Schneckenhaus trüge, und beschloss zunächst, mich keinen Millimeter zu bewegen.

Irgendwann wagte ich einen Fühler nach draußen.

Kein Wasser.

Zweiter Fühler.

Immer noch kein Wasser.

Das sah schon besser aus.

Also schob ich mich vorsichtig aus meinem Haus. Erst ein kleines Stück, dann noch eins. Meine Gastgeberin beobachtete mich dabei derart gespannt, dass man meinen konnte, ich würde gleich einen Salto vorführen. Ich kroch ungefähr drei Zentimeter.

Sie war begeistert.

Menschen sind wirklich leicht glücklich zu machen.

Und dann eröffnete das Restaurant.

Vor mir lag eine saftige Gurkenscheibe und daneben eine große Portion Kalkbrei! Offenbar war ich nicht einfach nur gerettet worden. Ich war in einem Schneckenkrankenhaus mit Vollpension gelandet!

Ich probierte ein bisschen hier, ein bisschen dort, streckte meine Fühler wieder ordentlich in die Welt und kam zu dem Schluss, dass dieser Tag zwar ausgesprochen schlecht angefangen hatte, sich aber inzwischen ganz erfreulich entwickelte.

Für die Zukunft habe ich trotzdem einen wichtigen Entschluss gefasst: Ich bleibe an Land!

Aus einem kleinen Fund wird eine große Geschichte

Das Schöne an solchen Zufallsbegegnungen ist, dass man sie nicht planen kann. Da liegt plötzlich eine Schnecke im Teich und aus einem ganz normalen Gartentag wird eine kleine Rettungsaktion, bei der man selbst anfängt, genauer hinzuschauen.

Wie bewegt sich Pamela eigentlich? Wo sind ihre Augen? Wie schnell findet sie die Gurke? Was macht sie mit dem Kalk? Und wie schafft es dieser unglaublich weiche Körper überhaupt, ein so stabiles Haus mit sich herumzutragen?

Genau solche echten Erlebnisse finde ich mit Kindern besonders spannend. Man muss daraus gar kein großes „Naturprojekt“ machen. Erst einmal reicht es völlig, gemeinsam zu staunen, zu beobachten und Fragen zu stellen.

Und vielleicht bekommt die eine oder andere Weinbergschnecke anschließend sogar ein kleines bisschen mehr Aufmerksamkeit als vorher.

Pamela jedenfalls hat ihr Schneckenkrankenhaus inzwischen „auf eigenen Fühlern“ verlassen.

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