Essbare Wildpflanzen, alte Wiesenspiele und kleine Naturwunder
„Mama, kann man das essen?“
Kinder stellen diese Frage erstaunlich oft, wenn sie draußen unterwegs sind. Sie beobachten eine Blüte, knabbern neugierig an einem Grashalm oder entdecken eine Beere am Wegesrand. Für sie ist die Natur ein riesiges Abenteuer – voller Geheimnisse und Überraschungen.
Leider lautet die Antwort häufig vorschnell: „Nein, das ist Unkraut!“
Dabei verbirgt sich direkt vor unseren Füßen eine kleine Schatzkammer. Zwischen Wiesenblumen, Hecken und Waldrändern wachsen viele Pflanzen, die nicht nur wunderschön aussehen, sondern teilweise auch essbar sind. Manche schmecken angenehm säuerlich, andere erinnern an Pilze, wieder andere überraschen mit einem feinen Blütenaroma.
Natürlich gilt dabei eine wichtige Regel: Kinder essen niemals eigenständig Pflanzen aus der Natur. Wildpflanzen dürfen nur gemeinsam mit Erwachsenen gesammelt und nur dann probiert werden, wenn sie eindeutig bestimmt wurden. Doch genau dieses gemeinsame Entdecken macht den besonderen Reiz aus.
Vielleicht beginnt der nächste Spaziergang deshalb nicht mit den Worten: „Kommt, wir gehen eine Runde.“ Sondern mit der Einladung:
„Heute besuchen wir das geheime Zwergenbuffet.“
Eine Geschichte, die Kinder mit anderen Augen schauen lässt
Das Geheimnis vom Zwergenbuffet
Die kleine Waldmaus Molli hatte schon oft davon gehört. Mitten im Wald sollte es ein Buffet geben. Kein gewöhnliches Buffet mit Brot, Käse oder Kuchen, sondern eines, das jeden Morgen neu wuchs.
Doch obwohl Molli täglich durch den Wald flitzte, hatte sie dieses geheimnisvolle Buffet noch nie gefunden.
Eines Morgens begegnete sie dem alten Zwerg Borstel. Sein Bart war voller Blütenstaub, in seiner Jackentasche steckte eine Feder und unter dem Arm trug er einen leeren Weidenkorb.
„Guten Morgen!“, piepste Molli. „Willst du einkaufen gehen?“ Borstel lachte so herzlich, dass sein Bart wackelte. „Einkaufen? Nein. Ich gehe frühstücken.“ „Aber dein Korb ist doch leer!“ „Noch.“ Molli verstand gar nichts. Neugierig lief sie hinter dem Zwerg her.
Schon nach wenigen Schritten blieb Borstel stehen. Er zeigte auf eine Pflanze mit zarten, fein gefiederten Blättern. „Siehst du diese kleinen Federchen?“ Molli nickte. „Menschen nennen sie Schafgarbe.“ Er beugte sich verschwörerisch zu ihr hinunter. „Wir Zwerge nennen sie Feenflügel.“ „Warum?“ „Weil junge Feen beim Fliegenlernen manchmal einen Flügel verlieren. Zum Glück wächst sofort ein neuer nach.“ Molli musste lachen. Sie strich vorsichtig über die weichen Blätter. Tatsächlich sahen sie aus wie winzige Federn.
Ein paar Schritte weiter entdeckte Borstel kleine grüne Knospen, die wie kleine Kettenkarussells an langen Stielen aussahen. „Probier einmal.“ Molli biss vorsichtig hinein. „Das gibt’s doch nicht!“ Sie kaute noch einmal. „Die schmecken ja wie Pilze!“ „Spitzwegerich“, grinste Borstel. „Die besten Köche der Waldzwerge braten sie mit etwas Butter.“
Sie gingen weiter.
Zwischen den Wiesen leuchteten Veilchen wie kleine Edelsteine. Lungenkrautblüten wechselten ihre Farbe von Rosa zu Blau. Ein Büschel Vogelmiere mit seinen weißen zarten Blütenlugte zwischen den Steinen hervor. Sauerampfer streckte seine Blätter in die Sonne.
„Schau genau hin“, sagte Borstel. „Fallen dir die Blattränder auf?“ Molli betrachtete sie ganz genau. „Die sehen ja aus wie kleine Vampierzähne!“ „Ganz genau.“
Inzwischen war der Korb fast voll.
Als sie auf einer Lichtung ankamen, warteten dort bereits viele Waldzwerge. Auf Baumstümpfen standen Schalen voller Blüten, Kräuter und frischer Blätter. Eine Zwergenköchin rührte Kräuterquark. Ein anderer Zwerg briet Spitzwegerichknospen in einer kleinen Pfanne. Und eine Maus streute Veilchen über einen Salat.
„Willkommen am Zwergenbuffet!“, riefen alle. Molli staunte. „Warum wissen die Menschen eigentlich nichts davon?“ Borstel lächelte. „Weil viele beim Spazierengehen nur nach vorne schauen.“ Er zeigte auf den Boden. „Die größten Schätze wachsen oft direkt am Wegesrand.“
Seit diesem Tag lief Molli nie wieder einfach nur spazieren. Sie ging auf Entdeckungsreise.
Und wer weiß …
Vielleicht begegnet ihr dem Zwergenbuffet ja auch einmal.
Warum Geschichten Kinder zu Entdeckern machen
Eine Geschichte verändert den Blick.
Wer gerade noch achtlos über eine Wiese gelaufen ist, beginnt plötzlich zu suchen. Kinder entdecken die ersten „Feenflügel“, freuen sich über „Vampirzähne“ am Sauerampfer oder halten Ausschau nach dem geheimen Buffet der Waldzwerge.
Genau das ist das Ziel: Die Fantasie öffnet die Tür zur Natur. Kinder werden aufmerksam, beobachten genauer und nehmen Pflanzen plötzlich bewusst wahr. Ganz nebenbei lernen sie, Unterschiede zu erkennen, Farben zu vergleichen und sich Fragen zu stellen. Eine wunderbare Grundlage für echtes Naturforschen!
Der Frühling deckt den Tisch
Kaum steigen die Temperaturen, beginnt am Wegesrand ein kleines Festmahl. Jeden Tag kommt etwas Neues hinzu. Manche Pflanzen sind jetzt besonders zart und aromatisch, andere überraschen mit essbaren Blüten oder außergewöhnlichen Geschmacksrichtungen.
Vielleicht macht ihr euch gemeinsam mit den Kindern auf die Suche nach den ersten „Delikatessen des Frühlings“. Nicht mit dem Ziel, möglichst viel zu sammeln, sondern um zu staunen, zu riechen, vorsichtig zu fühlen und – wenn die Pflanzen sicher bestimmt wurden – auch einmal zu kosten.
Im nächsten Abschnitt lernen wir die ersten Schätze kennen. Manche schmecken nach Pilzen, andere nach Zitrone und wieder andere sehen so aus, als hätten sie Feen oder kleine Vampire hinterlassen …
Die Schätze des Frühlings
Kleine Delikatessen, die direkt am Wegesrand wachsen
Kinder brauchen gar keine spektakulären Ausflugsziele. Eine Wiese, ein Feldweg oder der Rand eines Waldstücks reichen völlig aus. Wer langsam geht und mit offenen Augen schaut, entdeckt plötzlich überall kleine Kostbarkeiten.
Vielleicht macht ihr daraus eine richtige Schatzsuche.
Jedes Kind bekommt einen kleinen Stoffbeutel oder ein Körbchen. Gesammelt wird aber nur das, was ihr später wirklich verwenden möchtet – der Rest bleibt stehen und darf weiterwachsen. So lernen Kinder ganz nebenbei einen achtsamen Umgang mit der Natur.
Dabei lohnt sich ein genauer Blick.
Bevor die Schafgarbe ihre weißen Blütendolden bildet, wachsen ihre jungen Blätter dicht über dem Boden. Sie sind fein gefiedert und sehen aus wie kleine, weiche Federn.
Für Kinder brauchen sie gar keinen botanischen Namen. Das sind Feenflügel.
Vielleicht hat eine junge Fee gerade das Fliegen gelernt und dabei einen ihrer Flügel verloren. Zum Glück wachsen bei Feen sofort neue nach – deshalb dürfen wir die alten bewundern. Lass die Kinder vorsichtig über die Blätter streichen.
Wie weich sie sich anfühlen!
Spielidee
„Wer findet den kleinsten Feenflügel?“
…oder:
„Legt euren Feenflügel einmal auf eure Hand. Wie leicht müsste eine Fee wohl sein, damit sie damit fliegen kann?“
Ganz nebenbei lernen Kinder, Pflanzen genau anzuschauen und Unterschiede wahrzunehmen.
Sauerklee wächst oft dort, wo man ihn gar nicht erwartet – im Halbschatten, am Waldrand oder unter Hecken. Die herzförmigen Blättchen erinnern an kleine Kleeblätter. Wer eines vorsichtig probiert, erlebt eine Überraschung: Es schmeckt angenehm zitronig.
Viele Kinder verziehen beim ersten Probieren lustig das Gesicht. „Ui, ist das sauer!“ Natürlich reicht ein kleines Blättchen völlig aus.
Forscherfrage:
Warum mögen wir eigentlich manchmal etwas Saures?
Welche anderen Lebensmittel schmecken ähnlich?
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Die meisten Erwachsenen laufen achtlos daran vorbei.
Dabei wächst Vogelmiere fast überall.
Schaut euch gemeinsam einmal die kleinen weißen Blüten an. Sind das wirklich zehn Blütenblätter?
Oder vielleicht doch nur fünf?
Die Kinder kommen schnell ins Grübeln. Erst beim ganz genauen Hinschauen entdecken sie: Jedes Blütenblatt ist tief eingeschnitten. Dadurch wirkt es, als wären es doppelt so viele.
Ein wunderschöner Anlass, ganz genau hinzusehen.
Veilchen gehören für viele Kinder zu den schönsten Frühlingsblumen überhaupt. Ihre intensive Farbe fällt sofort ins Auge.
Vielleicht sammelt jede Gruppe ein „Veilchenfoto“.
Natürlich nicht mit einer Kamera. Sondern mit den Augen. Schließt gemeinsam für einen Moment die Augen.
Wie sah das Veilchen gerade aus?
War es eher blau?
Oder lila?
Groß oder klein?
Manchmal merkt man erst beim Schließen der Augen, wie genau man zuvor hingesehen hat.
Hier dürfen die Kinder richtige Naturdetektive werden.
Manche Blüten sind rosa.
Andere blau.
Und manchmal wachsen beide Farben sogar an derselben Pflanze.
„Hat hier jemand heimlich angemalt?“
Natürlich nicht. Die Blüten verändern während ihrer Entwicklung tatsächlich ihre Farbe. Für Kinder ist das fast ein kleines Naturwunder.
Hier dürfen die Kinder richtige Naturdetektive werden.
Manche Blüten sind rosa.
Andere blau.
Und manchmal wachsen beide Farben sogar an derselben Pflanze.
„Hat hier jemand heimlich angemalt?“
Natürlich nicht. Die Blüten verändern während ihrer Entwicklung tatsächlich ihre Farbe. Für Kinder ist das fast ein kleines Naturwunder.
Diese Pflanze sorgt fast immer für Erstaunen. Nicht die Blätter stehen heute im Mittelpunkt. Sondern die jungen Blütenknospen. Wer sie vorsichtig probiert, entdeckt tatsächlich einen Geschmack, der an Champignons erinnert.
Viele Erwachsene glauben das zunächst selbst nicht. Zu Hause könnt ihr einige Knospen in etwas Butter anbraten. Ein wenig Salz dazu. Fertig ist eine echte Delikatesse.
„Au, die brennt!“
Kaum eine Pflanze kennen Kinder so gut wie die Brennnessel.
Doch nur wenige wissen: Sie gehört zu den wertvollsten Wildpflanzen überhaupt. Schon unsere Urgroßeltern nutzten sie als Gemüse und aus ihren Stielen kann man Seile und Bänder herstellen.
Aus jungen Blättern entstehen knusprige Brennnesselchips. Im Teig ausgebacken schmecken sie fast wie Gemüsechips. Und plötzlich staunen selbst skeptische Kinder:
„Die kann man wirklich essen?“
„Oh ja! Und wie!“
Kleine Spiele für unterwegs
Kinder brauchen oft gar kein vorbereitetes Material. Die Natur hält alles bereit, was es zum Spielen braucht. Manche dieser Spiele kennen vielleicht noch Oma oder Opa, andere geraten leider langsam in Vergessenheit. Dabei kosten sie nichts, fördern die Feinmotorik, schulen die Beobachtungsgabe und sorgen fast immer für Gelächter.
Vielleicht werden auch bei euch bald einige dieser kleinen Spiele zu festen Spaziergangsritualen. Hier die, die ich z.T. in meiner Ausbildung in der Wildnisschule kennengelernt habe:
Fast vergessen...
Früher kannten fast alle Kinder den Trick mit dem Breitwegerich oder dem Grashalm-Duell. Heute geraten solche kleinen Wiesen-Spiele langsam in Vergessenheit. Umso schöner, wenn wir sie an die nächste Generation weitergeben.
Das Brennnessel-Bonbon
Die Brennnessel hat bei Kindern keinen besonders guten Ruf. Kein Wunder – fast jedes Kind hat sich schon einmal an ihren Brennhaaren gestochen. Umso größer ist das Erstaunen, wenn ausgerechnet diese Pflanze plötzlich zum „Bonbon“ wird.
Sucht euch gemeinsam eine junge Brennnessel. Natürlich sollte ein Erwachsener zeigen, wie das funktioniert.
Das Blatt wird beherzt abgezupft und mit Druck zwischen Daumen und Zeigefinger fest zusammengerollt oder geknetet. Dabei brechen die feinen Brennhaare ab. Am besten machst du es vor – ja, das kostet ein bisschen Überwindung, aber es funktioniert! Nun trauen sich viele Kinder zum ersten Mal auch so eine „Mutprobe“ zu und beißen vorsichtig hinein.
Fast immer folgt derselbe Satz:
„Die brennt ja gar nicht!“
Vielleicht erzählst du den Kindern, dass die Waldzwerge diese kleinen Brennnessel-Bonbons auf ihren Wanderungen immer dabeihaben.
Hinweis
Achtet darauf, möglichst junge Blätter zu verwenden und erklärt den Kindern, dass Brennnesseln auch für bestimmte Schmetterlinge wichtig sind, da sie ihre Eier nur dort ablegen, da ihre Raupen Brennesselblätter mega lecker finden. Deshalb vor dem Abzupfen erst einmal einen gezielten Forscherblick unters Blatt!
Grashalm hakeln
Wie viele Kinder bekommst du später?
Dieses Spiel kennen viele Erwachsene noch aus ihrer eigenen Kindheit. Dafür braucht ihr einen Breitwegerich. Zupft vorsichtig den Blattstiel vom Blatt ab. Am unteren Ende bleiben nun feine Blattadern hängen – sie sehen aus wie winzige weiße Haare. Jetzt wird gezählt.
Eins …
zwei …
drei …
Vielleicht sind es sieben? Oder sogar zwölf?
Natürlich wissen wir alle, dass diese kleinen Fäden nichts über die Zukunft verraten. Aber genau deshalb macht das Spiel so viel Spaß. Die Kinder beginnen sofort miteinander zu vergleichen:
„Ich bekomme fünf Kinder!“
„Ich nur zwei!“
„Oje, ich habe zwölf!“
Fast immer endet das Ganze in herzhaftem Gelächter.
Schatzsucher statt Pflückmeister
Nicht jede Pflanze muss gepflückt werden.
Manchmal macht das Suchen viel mehr Spaß.
Wie wäre es mit kleinen Suchaufträgen?
- Findest du einen Feenflügel?
- Wer entdeckt zuerst ein Vampirblatt?
- Kannst du eine Blüte finden, die zwei Farben hat
- Wo wächst Vogelmiere?
- Welche Pflanze fühlt sich am weichsten an
- Welche riecht am stärksten?
Die Kinder beginnen automatisch genauer hinzusehen. Und genau darum geht es.
Mit allen Sinnen unterwegs
Die Natur lässt sich nicht nur anschauen. Sie möchte gefühlt, gerochen, gehört und manchmal sogar geschmeckt werden. Vielleicht schließt ihr zwischendurch einmal für eine Minute die Augen.
Was hört ihr?
Den Wind?
Eine Hummel?
Vogelstimmen?
Raschelnde Blätter?
Oder das Summen einer Wildbiene?
Nun öffnet ihr die Augen wieder.
Plötzlich entdeckt ihr Dinge, die euch vorher gar nicht aufgefallen sind. Die Natur wird langsam. Und mit ihr werden auch die Kinder ruhiger.
Eine kleine Idee aus meiner Kindheit
Beim Schreiben fiel mir noch ein Spiel ein, das ich früher oft gesehen habe:
Mit den schmalen langen Blättern eines Grashalmes konnten wir Kinder wunderbar pfeifen. Das Blatt wird zwischen die Daumen gespannt und beim Hineinblasen entsteht – mit etwas Übung – ein überraschend lauter Ton. Vielleicht kennst Du das auch noch? Solche kleinen „Fast-vergessenen-Spiele“ könnten als wiederkehrende Rubrik im Artikel richtig charmant sein.
Kleine Blüten, großer Geschmack
Nicht nur Blätter überraschen uns am Wegesrand. Auch viele Blüten sind essbar und machen jedes Picknick zu einem kleinen Fest. Kinder sind oft zunächst skeptisch. Blumen isst man doch nicht! Doch genau diese Überraschung macht den Reiz aus.
Veilchen gehören zu den ersten Frühlingsboten. Ihre tiefvioletten Blüten sehen fast zu schön aus, um sie zu pflücken. Vorsichtig auf einem Butterbrot verteilt oder als essbare Dekoration auf einem Frischkäsebrot wirken sie wie kleine Edelsteine. Noch schöner ist es, wenn die Kinder zunächst einfach nur staunen dürfen. Wie riecht ein Veilchen? Welche Farbe hat es wirklich – eher blau oder eher lila? Und warum duftet nicht jede Blüte gleich intensiv?
Auch das Lungenkraut fasziniert Kinder immer wieder. Oft wachsen an einer einzigen Pflanze rosa und blaue Blüten nebeneinander. Das wirkt beinahe so, als hätte jemand den Pinsel gewechselt. Tatsächlich verändert sich die Blütenfarbe während der Entwicklung – ein kleines Wunder, das viele Kinder zum ersten Mal bewusst wahrnehmen.
Etwas geheimnisvoller wirken die glockenförmigen Blüten des Beinwells. Vielleicht sind sie die kleinen Lampen der Waldzwerge oder die Schlafglocken der Elfen, die am Abend ganz leise läuten. Solche Bilder entstehen fast von selbst, wenn Kinder Zeit haben, Pflanzen aufmerksam zu betrachten. Die Blüten können in kleinen Mengen als essbare Dekoration verwendet werden und laden dazu ein, aus einfachen Speisen etwas Besonderes zu machen.
Mit offenen Augen durch den Frühling
Wer einmal begonnen hat, Wildpflanzen zu entdecken, läuft plötzlich anders durch die Natur. Der Blick richtet sich nicht mehr nur nach vorne auf den Weg, sondern schweift nach links und rechts. Unter jedem Busch könnte etwas Interessantes wachsen, jede Wiese hält neue Überraschungen bereit.
Vielleicht entdeckt ein Kind plötzlich den Sauerklee, den niemand sonst gesehen hat. Ein anderes findet die erste Schafgarbe oder ruft begeistert: „Hier ist noch Vogelmiere!“
Solche Momente zeigen, dass Kinder Verantwortung übernehmen. Sie beobachten genauer, vergleichen Pflanzen miteinander und erzählen stolz von ihren Entdeckungen. Aus einem gewöhnlichen Spaziergang wird eine gemeinsame Expedition.
Dabei muss gar nicht viel gesammelt werden. Oft genügt es, eine Pflanze zu betrachten, an ihr zu riechen oder sie vorsichtig zwischen den Fingern zu fühlen. Auch das ist eine Form des Kennenlernens. Nicht jede Delikatesse muss später auf dem Teller landen. Manchmal reicht es völlig, ihren Duft, ihre Form oder ihre Geschichte mitzunehmen.
Wenn der Sommer die Wiesen verändert
Während der Frühling noch von zarten Grüntönen geprägt ist, wird der Sommer üppiger. Überall blüht es, Insekten summen zwischen den Gräsern, und viele Pflanzen zeigen sich nun von ihrer farbenfrohen Seite. Jetzt beginnt eine neue Zeit des Entdeckens.
Die Rosen öffnen ihre Blüten und verströmen ihren unverwechselbaren Duft. Das Springkraut – auch Balsamine genannt – wächst an Bachläufen und feuchten Waldrändern und überrascht mit seinen essbaren Blüten, die angenehm mild schmecken. Aus den kleinen Knospen des Spitzwegerichs sind inzwischen markante Blütenstände geworden, und schon bald färben sich die ersten Vogelbeeren langsam orange.
Die Natur verändert sich beinahe täglich. Wer regelmäßig denselben Weg geht, erlebt diesen Wandel besonders intensiv. Kinder erkennen vertraute Pflanzen wieder und stellen fest, dass sie heute ganz anders aussehen als noch vor wenigen Wochen. Genau dadurch entsteht ein Gefühl für den Rhythmus der Jahreszeiten – etwas, das sich nicht erklären lässt, sondern nur erleben.
Kaum eine Blüte ist so eng mit dem Sommer verbunden wie die Rose. Viele Kinder kennen sie aus Gärten, doch kaum jemand vermutet, dass ihre Blütenblätter essbar sind. Voraussetzung ist natürlich, dass die Rosen unbehandelt sind und nicht gespritzt wurden.
Schon das Pflücken wird zu einem kleinen Erlebnis. Vorsichtig lösen die Kinder einzelne Blütenblätter und betrachten ihre feinen Farbverläufe. Manche duften intensiv, andere fast gar nicht. Warum ist das so? Gibt es Rosen, die süßer riechen als andere?
Die Blütenblätter schmecken mild und leicht süßlich. Sie können über einen Obstsalat gestreut, in einen Kräuterquark gemischt oder einfach als essbare Dekoration verwendet werden. Plötzlich wird aus einer ganz gewöhnlichen Mahlzeit ein Sommeressen wie aus einem Märchen.
Vielleicht möchtet ihr gemeinsam einen kleinen „Rosenteller“ gestalten. Ein Butterbrot, einige Gurkenscheiben, ein paar essbare Blüten – und schon entdecken die Kinder, dass Essen nicht nur schmecken, sondern auch wunderschön aussehen kann.
Wenn es eine Pflanze gibt, die Kinder fast augenblicklich begeistert, dann ist es das Springkraut, auch Balsamine genannt. Es wächst bevorzugt an feuchten Bachläufen, Gräben und Waldrändern und fällt mit seinen auffälligen rosa Blüten schon von Weitem auf.
Doch seine eigentliche Überraschung hebt sich die Pflanze bis zum Spätsommer auf. Dann reifen ihre Samenkapseln heran. Schon eine ganz leichte Berührung genügt und sie springen mit einem kleinen Plopp auf. Die Samen werden dabei in alle Richtungen geschleudert. Für Kinder ist das jedes Mal ein kleines Wunder und sorgt fast immer für lautes Gelächter.
Auch die Blüten sind essbar. Sie schmecken angenehm mild und erinnern ein wenig an frischen Salat. Gemeinsam mit Rosenblüten oder Veilchen lassen sie sich über einen Sommersalat streuen oder einfach neugierig probieren.
Vielleicht beobachtet ihr einmal, welche Insekten die Blüten besuchen. Hummeln scheinen das Springkraut besonders zu mögen. Mit etwas Geduld lässt sich wunderbar beobachten, wie geschickt sie tief in die Blüten hineinkriechen, um an den süßen Nektar zu gelangen.
Wenn sich die ersten Vogelbeeren Ende Juli oder Anfang August langsam leuchtend orange bis rot färben, bleiben viele Kinder neugierig unter den Bäumen stehen. „Die darf man doch nicht essen!“, hört man dann oft. Dieser Irrglaube hält sich bis heute hartnäckig.
Tatsächlich sind Vogelbeeren essbar. Ihr Fruchtfleisch enthält besonders viel Vitamin C – nicht umsonst werden sie manchmal auch als „Zitronen des Nordens“ bezeichnet. Wer einmal vorsichtig eine reife Beere probiert, versteht allerdings schnell, warum meist eine oder zwei völlig ausreichen. Ihr Geschmack ist intensiv herb und bitter. Die meisten Kinder verziehen lachend das Gesicht und sind sich einig: Eine zweite Beere reicht vollkommen!
Gerade deshalb ist das Probieren ein schönes Naturerlebnis. Die Kinder entdecken, dass nicht jede essbare Frucht automatisch süß schmeckt. Unsere heimischen Wildpflanzen überraschen mit ganz unterschiedlichen Aromen und erweitern den Geschmackshorizont auf spielerische Weise.
Natürlich freuen sich nicht nur wir über die leuchtenden Früchte. Für viele Vogelarten sind Vogelbeeren eine wichtige Nahrungsquelle. Deshalb gilt auch hier: Nur wenige Beeren zum Probieren pflücken und den größten Teil den gefiederten Wintergästen überlassen.
Nach einer ausgiebigen Entdeckungstour ist es schnell passiert: Ein Mückenstich beginnt zu jucken oder ein Brennnesselkontakt hinterlässt ein unangenehmes Kribbeln.
Früher wussten viele Kinder sofort, was zu tun war. Sie pflückten ein Blatt Spitzwegerich, zerrieben es kräftig zwischen den Fingern und tupften den austretenden Pflanzensaft vorsichtig auf die betroffene Stelle.
Obwohl ein solcher Hausmitteltipp niemals den Arzt ersetzt, ist es spannend, den Kindern zu erzählen, dass Menschen schon seit Jahrhunderten beobachtet haben, welche Pflanzen ihnen im Alltag helfen konnten. Die Natur war für sie Apotheke, Vorratskammer und Spielplatz zugleich.
Vielleicht entdeckt ihr unterwegs noch weitere Pflanzen, über die sich solche Geschichten erzählen lassen. Kinder lieben dieses alte Wissen. Es lässt die Natur lebendig werden.
Mehr als nur Essen
Wer mit Kindern essbare Wildpflanzen entdeckt, verfolgt eigentlich ein viel größeres Ziel, als neue Geschmacksrichtungen kennenzulernen.
Kinder erleben, dass Nahrung nicht ausschließlich aus dem Supermarkt kommt. Sie entdecken Zusammenhänge, lernen Pflanzen genauer zu betrachten und entwickeln Respekt vor dem, was wächst.
Ganz nebenbei schulen sie ihre Sinne. Sie fühlen raue und glatte Blätter, riechen an Blüten, hören das Summen der Insekten und entdecken Unterschiede, die ihnen vorher nie aufgefallen wären.
Vielleicht wird aus einem Kind, das heute neugierig an einem Sauerklee-Blatt knabbert, später ein Erwachsener, der beim Spaziergang nicht achtlos an einer Wiese vorbeigeht.
Solche Erfahrungen brauchen keine großen Worte. Sie entstehen ganz nebenbei – Schritt für Schritt, Pflanze für Pflanze.
Eine Handvoll Natur genügt
Es müssen keine großen Körbe voller Kräuter sein. Oft reicht schon eine einzige Pflanze, um einen Spaziergang unvergesslich zu machen. Ein Veilchen, das plötzlich seinen Duft verströmt. Eine Brennnessel, die sich als Delikatesse entpuppt. Ein Springkraut, das seine Samen mit einem kleinen Knall davonschleudert. Oder ein Spitzwegerichblatt, das schon unsere Großeltern auf einen Mückenstich legten.
Kinder brauchen keine spektakulären Attraktionen. Sie brauchen Erwachsene, die bereit sind, gemeinsam mit ihnen stehen zu bleiben, genau hinzusehen und sich von kleinen Wundern überraschen zu lassen. Vielleicht entdeckt ihr dabei sogar Dinge, die euch selbst bisher verborgen geblieben sind. Denn manchmal wachsen die größten Schätze tatsächlich direkt am Wegesrand.









